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Freigelegt - Migräne in Stein

  • Autorenbild: andreageipel
    andreageipel
  • vor 5 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Ich hätte nie gedacht, dass ich mich mal so dafür begeistern könnte auf Stein einzuschlagen.


Zu laut.

Zu fest.

Zu aggressiv.

Zu viel.


Unbehandelter Speckstein mit Markierungen auf einem Arbeitstisch
Mit diesem 12k schweren Pyrophilit (Speckstein) fing alles an.

Ein Raum voller Menschen, die immer wieder auf Stein klopfen – und ich, die auf Stein klopft. Es ist laut und staubig und anstrengend. Eigentlich genau der Ort, an dem man mit Migräne nicht sein möchte. Und doch ist genau dort etwas passiert.


Schon länger wusste ich, dass ich plastischer arbeiten will. Dass mir die Fläche nicht mehr reicht. Aber Stein erschien mir immer als das absolute Gegenteil von dem, was mein Körper braucht. Und dann stand ich plötzlich in dieser Werkstatt und die gleichmäßigen Bewegungen, die körperliche Arbeit, die Kraft taten mir gut.


Ich bin nicht gut darin, meine Energie einzuteilen. Bei mir gibt es oft nur alles oder nichts. Und beim Stein ist es alles. Ich schwitze. Ich bekomme Blasen an den Händen. Ich powere mich vollkommen aus. Und das ist schön.


Seit Jahren triggert schweißtreibender Sport meine Migräneattacken. Dabei habe ich früher genau das geliebt. Ich habe Sport studiert, Volleyball gespielt, getanzt – dieses Gefühl, den Körper bis an seine Grenze zu bringen. Stein erlaubt mir etwas davon zurückzuholen.


Bearbeiteter Speckstein auf einem Arbeitstisch.
Mit Hammer, Meisel und Feilen nimmt die Idee langsam Form an.

Manchmal löst die Arbeit tatsächlich eine Attacke aus. Ja. Aber im Moment ist es mir das wert. Der Stein passt einfach zu dem, was ich künstlerisch ausdrücken will.


Zuerst wird er hart bearbeitet: beschlagen, verkleinert, geformt durch Willen und Kraft. Der Stein leistet Widerstand – und es ist meine Aufgabe, ihm eine Form zu entlocken, die zu ihm passt. Und zu mir. Und zu meinen Schmerzen. Irgendwann geht diese Kraft über in etwas anderes. In Schleifen. In Polieren. In ein ruhiges Streichen mit den Händen über die glatter werdende Oberfläche.


Meine erste Skulptur war plötzlich einfach da. Ich hatte eine Idee im Kopf, mit der ich begann. Aber dann hatte ich die Skizze beiseite gelegt und war dem Stein gefolgt. Der Stein erinnerte mich an das, was ich in meiner Kunst immer wieder versuche sichtbar zu machen: das, was man bei Migräne nicht sieht. Das Innere. Den Schmerz. Die Anstrengung. Die Erschöpfung.


Dem zwölf Kilogramm schweren Stein entlockte ich eine große Leere heraus. Rund. Glatt. Schön. Fast etwas Greifbares. Eine luftige Öffnung. Aber Migräne ist keine luftige Leere.

Also kamen die Metallstäbe. Sie durchstoßen den Stein, stören die Form, erzeugen Spannung. Sie stehen für das Chaotische, das Starre, das Einschießende von Migräneschmerzen – für etwas, das nicht kontrolliert werden kann.


Finale Form der Steinskulptur in ovaler Form, mit einem Loch bzw. einer Aussparung oben links. Rechts und Links sind frische Bohrlöcher, durch die schwarze Metallstäbe ragen.
Zerstörung gehört zum Prozess. Genauso wie Vertrauen.

Als ich begann, die Löcher zu bohren, veränderte sich die Stimmung in der Werkstatt. Man könnte es fast Trauer nennen, die durch den Raum ging. Als würde ich etwas Vollkommenes zerstören. Es gab sogar einige, die mich davon überzeugen wollten das doch lieber zu lassen. Ich habe das verstanden. Aber genau darum ging es mir.


Migräne ist nicht vollkommen.

Sie ist nicht glatt.

Sie ist nicht rund.

Sie erzeugt Trauer, Schmerz und Frust.


Und dann gibt es noch etwas, das diese Arbeit für mich besonders macht. Am ersten Tag in der Werkstatt wurden mir die wichtigsten Werkzeuge gezeigt. Unter ihnen erkannte ich einige der Hämmer meines Vaters – Fäustel, mit denen man Stein bearbeitet. Mein Vater war leidenschaftlicher Mineraliensammler, interessiert an Geologie. Er war in Steinbrüchen unterwegs und arbeitete mit genau diesen Werkzeugen.


Fertige Skulptur auf weißem Untergrund. Dunkel glänzender gemaserter Stein mit einer unbearbeiteten Aussparung oben links. Darüber eine Aushöhlung durch die von rechts und links fünf sich überkreuzende Mellstäbe stoßen.
Freigelegt (Steinskulptur | Pyrophilit | 12kg)

Heute bearbeite ich mit ihnen meine Migräne.


Manchmal fühlt es sich an, als würden sich hier Kreise schließen, von denen ich nicht wusste, dass sie offen waren.


Hier geht es zu Freigelegt in meinem Portfolio.

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