Gründen mit Migräne – zwischen Selbstbestimmung und Erschöpfung
- andreageipel

- vor 2 Tagen
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In den letzten Wochen war es hier still. Nicht, weil nichts passiert wäre – im Gegenteil. Ich habe viel Kunst gemacht und an meiner Selbstständigkeit gearbeitet. Aber ich hatte auch alle zwei Tage Migräneattacken. Weshalb keine Zeit blieb für Blogposts oder Social Media. Und genau das möchte ich heute zum Thema machen: Wie fühlt es sich an, sich mit einer chronischen Schmerzerkrankung selbstständig zu machen?
Auf dem Papier klingt Selbstständigkeit nach Freiheit: eigene Projekte, freie Zeiteinteilung, Selbstbestimmung. In der Realität bedeutet sie aber auch Verantwortung für alles – Akquise, Konzepte, Anträge, Buchhaltung, Sichtbarkeit. Wenn dann alle zwei Tage eine Migräneattacke Konzentration frisst und Termine durcheinanderbringt, fühlt sich das schnell wie ein Widerspruch an: Ich will etwas aufbauen, aber mein Körper macht ständig Pause.

Ich merke gerade sehr deutlich, wie viel innerer Druck mit diesem Gründungsprozess verbunden ist. Es gibt diese Leistungserzählungen: Vollzeitjob, nebenbei Sport, Familie, Reisen, persönliche Projekte – und das alles gerne mit einem Lächeln. Aber so ist das Leben nicht für alle. Mit einer chronischen Erkrankung ist Leistung nie nur eine Frage von Motivation, sondern immer auch eine Frage von Energie, Zufall und Körper. Was mir dabei oft fehlt: Wie selten darüber gesprochen wird, wie anstrengend ein Leben mit chronischer Erkrankung ist – gerade im beruflichen Kontext.
Eine Erfahrung, die ich immer wieder mache: Krankheit und Leistung werden getrennt erzählt. Da sind „Erfolge (trotz Erkrankung)“ – und daneben „der tägliche Kampf“, den man möglichst unsichtbar hält. In sozialen Medien gibt es inzwischen mehr Menschen, die offen über chronische Krankheiten sprechen. Im Kontext von Gründung, Selbstständigkeit oder LinkedIn-Karrierepostings sehe ich diese Geschichten aber noch selten. Zu groß scheint die Angst, „nicht leistungsfähig genug“ zu wirken oder das Private vom Beruflichen zu „trennen“. Das Problem: Bei chronischen Erkrankungen lässt sich genau das oft nicht trennen. Das eine beeinflusst das andere – jeden Tag.
In den letzten Monaten des Gründungsprozess stelle ich mir deshalb immer wieder diese Fragen: War es die richtige Entscheidung, mich jetzt selbstständig zu machen? Mache ich etwas falsch? Werde ich das auf Dauer schaffen, oder muss ich irgendwann in eine getaktete Anstellung zurück, in der ich versuche, meine Krankheit in äußere Rahmenbedingungen zu pressen, die gar nicht zu mir passen? Gleichzeitig weiß ich, wie unberechenbar Migräne ist und wie wenig ich den Verlauf dieser Erkrankung beeinflussen kann. Migräne mag keine Veränderungen und noch weniger Unsicherheit. Ein neuer Lebensabschnitt, viele Emotionen (auch positive!), neue Kontakte – all das ist für ein Migränegehirn Stress. Dass die Attacken gerade zunehmen, ist medizinisch betrachtet nicht überraschend. Emotional ist es trotzdem schwer auszuhalten.

Gleichzeitig merke ich, wie gut mir die Freiheit der Selbstständigkeit tut. Ich kann meinen Tag um meine Migräne herum bauen: Pausen machen, wenn mein Körper sie fordert, arbeiten, wenn es geht, Projekte so planen, dass ich Ausfälle abfangen kann. Ich bin trotz vieler Attacken aktiv, weil ich selbst entscheiden kann, wann ich schnell sein muss – und wann nicht. Und weil ich das, was ich tue, aus tiefster Überzeugung mache.
Ich baue ein Arbeitsfeld auf, in dem Kunst eine zentrale Rolle spielt – als Medium, um über unsichtbare Schmerzerkrankungen wie Migräne aufzuklären, Stigma sichtbar zu machen und zu erforschen, welche Rolle Kunst in der Entstigmatisierung spielen kann. Gleichzeitig hilft mir die Kunst persönlich, jeden Tag.

Wenn ich leichte bis mittlere Attacken habe, hilft mir das strukturierte, regelmäßige Zeichnen, mich von den Schmerzen abzulenken und ruhiger zu werden. Es ist fast meditativ: Linie für Linie, Fläche für Fläche. Ich komme in einen Rhythmus, der nicht schmerzfrei ist, aber den Schmerz anders einbettet. Bei schweren Attacken kann ich nicht aktiv arbeiten, aber selbst dann arbeitet mein Kopf künstlerisch weiter: Wie fühlt sich dieser Schmerz gerade an? Welche Form, welche Farbe, welche Textur hätte diese Aura? Wie könnte ich dieses Gefühl von Überforderung, von Lichtblitzen, von Zeitverlust später in eine Skulptur oder Zeichnung übersetzen? Die Schmerzen gehen dadurch nicht weg – aber es gibt mir Handlungsspielraum. Statt nur ausgeliefert zu sein, entsteht eine Idee: Ich kann etwas daraus machen.
In den letzten Wochen war ich also gleichzeitig ausgelaugt und sehr aktiv. Ich habe drei neue Arbeiten fertiggestellt – unter anderem eine Visualisierung meines Migränekalenders 2025, in der 2.818 Stunden Migräne im Jahr sichtbar werden. Ich arbeite an meiner zweiten Steinskulptur und an einer Serie digitaler Zeichnungen für ein „Migräne-Tarot“. Parallel plane ich meine Ausstellung im Juni, schreibe Anträge, baue mir ein neues Netzwerk in einem Feld auf, das es so in Deutschland noch kaum gibt. Auch das gehört zur Gründung mit chronischer Erkrankung: Priorisieren, was jetzt wichtig ist, was warten kann, und wie ich meine Energie beruflich und privat einteile.
2.818 ist ein besonderes Werk für mich. 2.818 Stunden hatte ich Migräneattacken in 2025. Die Visualisierung über 2.818 Kästchen aus Strukturpaste war kostspielig, anstrengend und aufwendig. Mehrere Wochen hat die Leinwand mein Wohnzimmer beherrscht. Genauso wenig zu übersehen wie eine Migräneattacke.
Ein weiterer Lernprozess: neue Tools zu nutzen, die mich unterstützen – und mir zuzugestehen, dass ich sie brauche. Ich experimentiere zum Beispiel mit KI, um mich beim Strukturieren von Texten, beim Formulieren von Konzepten und beim Recherchieren zu entlasten. Nicht, weil ich es „nicht alleine könnte“, sondern weil mein Gehirn mit Migräne sehr begrenzte Fokusfenster hat. Es fällt mir nicht immer leicht, mir das einzugestehen. Ein Teil von mir möchte „beweisen“, dass ich auch ohne Hilfe leistungsfähig bin. Aber vielleicht ist genau das der entscheidende Schritt: anzuerkennen, dass ich nicht immer so leistungsfähig bin, wie ich gerne wäre – und dass es trotzdem (oder gerade deshalb) wertvoll ist, was ich tue.
Gründen mit chronischer Erkrankung bedeutet für mich gerade:
Die Spannung auszuhalten zwischen Vision und Erschöpfung.
Werkzeuge zu finden (Kunst, KI, Strukturen), die mich tragen, wenn es schwierig wird.
Sichtbar zu machen, dass Krankheit und Arbeit untrennbar miteinander verwoben sind.
Und zu sagen: Das hier ist kein „trotzdem“, sondern Teil dessen, was meine Arbeit ausmacht.
Ich weiß nicht, wie sich meine Gründung in den nächsten Monaten entwickelt. Aber ich weiß, dass ich genau an der Schnittstelle arbeiten möchte, an der Migräne, Kunst und Gesellschaft zusammenkommen – und dass ich mir wünsche, dass Geschichten wie diese auch im Gründungskontext sichtbarer werden.









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