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FORSCHUNGSPROGRAMM

Mit Kunst forschen

In meiner Forschung untersuche ich, wie Kunst dazu beitragen kann, Erfahrungen sichtbar, teilbar und gesellschaftlich verhandelbar zu machen, die sich nur schwer in Sprache oder wissenschaftliche Kategorien übersetzen lassen.

Ausgangspunkt meiner Arbeit sind chronische Erkrankungen – insbesondere Migräne. Migräne ist körperlich hoch präsent und prägt Wahrnehmung, Bewegung, Arbeit, Beziehungen und Alltag, bleibt für andere Menschen jedoch meist unsichtbar. Diese Spannung zwischen Erleben und Sichtbarkeit, subjektivem Wissen und gesellschaftlicher Verständlichkeit bildet den Ausgangspunkt meiner künstlerischen Forschung.

Dabei verstehe ich Kunst nicht als Illustration bereits vorhandenen Wissens. Mich interessiert vielmehr, welches Wissen durch künstlerische Prozesse entstehen kann.

Zeichnungen, textile Arbeiten, Skulpturen, Installationen, digitale Medien und partizipative Formate werden dabei zu Forschungsinstrumenten. Sie ermöglichen es, Erfahrungen zu untersuchen, für die etablierte Formen wissenschaftlicher Beschreibung oder alltäglicher Kommunikation häufig nicht ausreichen.

Mein langfristiges Ziel ist es, eine Forschungspraxis an der Schnittstelle von Artistic Research, Research Creation, partizipativer Kunst, Gesundheitskommunikation und Disability Art zu entwickeln.

Von der individuellen Erfahrung zum gemeinsamen Wissen.

Ein zentraler Ausgangspunkt meiner Forschung ist die Frage, wie subjektive Erfahrungen zu einer Form von Wissen werden können, die auch für andere zugänglich ist.

Mich interessiert dabei insbesondere der Übergang zwischen verschiedenen Wissensformen:

  • Wie kann persönliches Körperwissen sichtbar werden?

  • Wie kann medizinisches Wissen mit Erfahrungswissen in Dialog treten?

  • Was geschieht, wenn Menschen ihre Erfahrungen nicht nur erzählen, sondern gemeinsam künstlerisch bearbeiten?

  • Und welche neuen Formen des Verständnisses können daraus entstehen?

 

Künstlerische Prozesse können dabei einen Zwischenraum schaffen: zwischen Betroffenen und Nicht-Betroffenen, zwischen Patient:innen und medizinischem Fachpersonal, zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit.

Dieser Zwischenraum ist für mich nicht nur ein Ort der Vermittlung. Er kann selbst zu einem Ort der Erkenntnis werden.

Forschungsfelder

01

Unsichtbare Erkrankungen und subjektives Körperwissen

Wie lassen sich Erfahrungen von Schmerz, Erschöpfung, Einschränkung, Unsicherheit oder Kontrollverlust künstlerisch erfassen?

Mich interessiert insbesondere, was sichtbar wird, wenn Menschen ihre Krankheit nicht anhand medizinischer Kategorien, sondern anhand ihrer eigenen Wahrnehmung und ihres Alltags beschreiben.

Dabei untersuche ich auch, wie künstlerische Darstellungen bestehende Vorstellungen von Krankheit verändern können: weg von der sichtbaren körperlichen Abweichung und hin zu Erfahrungen, die von außen nicht unmittelbar erkennbar sind.

02

Kunst und Gesundheitskommunikation

Wie verändert sich Kommunikation über Gesundheit, wenn Kunst nicht nur zur Illustration wissenschaftlicher Inhalte eingesetzt wird, sondern selbst zum Ausgangspunkt der Kommunikation wird?

Dabei interessiert mich besonders die Rolle von Emotionen, Ambiguität und persönlicher Beteiligung.

Eine künstlerische Arbeit kann Wissen nicht nur vermitteln. Sie kann Irritation erzeugen, Empathie ermöglichen, Fragen offenlassen oder Menschen dazu bringen, die eigene Perspektive zu hinterfragen.

Ich möchte untersuchen, welche dieser Prozesse dazu beitragen können, komplexe oder stigmatisierte Gesundheitsthemen anders wahrzunehmen und zu diskutieren.

03

Partizipation und Research Creation

Meine Forschung entsteht nicht ausschließlich über die Betrachtung fertiger Kunstwerke. Die künstlerische Produktion selbst ist Teil des Forschungsprozesses.

In partizipativen Projekten werden Betroffene, Wissenschaftler:innen, medizinisches Fachpersonal oder andere gesellschaftliche Gruppen zu Mitwirkenden.

Mich interessiert:

Was verändert sich, wenn Menschen nicht nur über ein Thema sprechen, sondern gemeinsam etwas herstellen?

Dabei verstehe ich Partizipation nicht als reine Beteiligung an einem fertigen Kunstprojekt. Die Beteiligten können vielmehr selbst Wissen, Perspektiven und Fragestellungen in den Forschungsprozess einbringen.

04

Emotionen und Wissenschaftskommunikation

Ein weiteres Forschungsfeld meiner Arbeit entwickelt sich aus der Frage, welche Rolle Emotionen bei der Rezeption wissenschaftlicher und medizinischer Informationen spielen.

Wie entstehen emotionale Reaktionen auf wissenschaftliche Themen?

Wie verändern sich diese Reaktionen über längere Zeiträume?

Und welche Rolle spielen dabei unterschiedliche kommunikative und künstlerische Formate?

Hier sehe ich eine besondere Verbindung zwischen Artistic Research und empirischer Forschung: Künstlerische Prozesse können neue Fragen und Erfahrungsräume eröffnen, während empirische Methoden helfen können, Veränderungen in Wahrnehmung, Emotion und Kommunikation systematisch zu untersuchen.

Artistic RESEARCH
RESEARCH Creation

Meine Forschung bewegt sich zwischen Artistic Research und Research Creation.

In meiner künstlerischen Arbeit entsteht Erkenntnis durch das Arbeiten mit Materialien, Körpern und Situationen. Ich beginne oft mit einer Frage oder einem Impuls — etwa: Wie fühlt sich Abhängigkeit von Medikamenten an? Was bedeutet Schutz bei chronischer Erkrankung? Wie wird Schmerz im Material sichtbar? 

Im Arbeitsprozess selbst — beim Häkeln, Steinhämmern, Zusammenfügen von Blistern, Besticken von Wegen — entstehen Einsichten, die ich vorher nicht hatte. Das Material „antwortet": Es widersteht, es bricht, es formt sich, es überrascht. Diese Momente sind für mich Forschung. 

Es geht darum unerwartete Verbindungen zuzulassen.

Gleichzeitig beobachte ich, was während der Arbeit passiert: Welche Körperreaktionen treten auf? Welche Entscheidungen treffe ich? Welche Assoziationen entstehen? Welche Verbindungen zu anderen Erfahrungen werden sichtbar?

Dabei interessiert mich insbesondere ein Verständnis von Forschung, bei dem Erkenntnis nicht ausschließlich durch Analyse bereits vorhandener Daten entsteht. Erkenntnis kann auch durch das Machen, Erproben, Interagieren und Gestalten entstehen.

Ein Werk ist deshalb für mich nicht zwingend das Ergebnis eines abgeschlossenen Forschungsprozesses.

Es kann selbst ein Forschungsinstrument, ein Denkmodell oder ein Ort der Begegnung sein.

Das bedeutet auch, dass die Methode nicht immer von Beginn an feststeht. Je nach Forschungsfrage können beispielsweise textile Verfahren, Zeichnung, Installation, Fotografie, Video, digitale Medien, Archive oder partizipative Formate eingesetzt werden.

Die Form entsteht aus der Frage.

Meine theoretische Verortung entwickelt sich aus der Praxis. Zentrale Referenzen sind Arbeiten von Hito Steyerl, Tomás Saraceno, Otobong Nkanga, Chris Salter und Riva Lehrer.

Methodologische Praxis

Meine methodologische Praxis verbindet künstlerische Forschung mit qualitativen, visuellen und empirischen Verfahren. In meinen Arbeiten werden Materialien, Räume und partizipative Situationen zu Forschungsinstrumenten. Sie ermöglichen es, körperliche Erfahrungen zu untersuchen, die sich nicht vollständig in medizinische Kategorien oder Sprache übersetzen lassen.

Mein wissenschaftlicher Hintergrund umfasst neuropsychologische Forschung mit dem Elektroencephalogramm (EEG) und verwandten Verfahren, quantitative Methoden und Statistik sowie Mixed-Methods Ansätze. In meiner Promotion in den Science and Technology Studies habe ich Beobachtungen, Videosequenzanalysen und Interviews mit der Visualisierung von Kommunikationsprozessen kombiniert. Die so gewonnenen Eindrücke habe ich mit Hilfe der Grounded Theory bearbeitet. In meiner beruflichen Praxis habe ich zudem digitale Vermittlungsformate in Museen mithilfe von Beobachtungstagebüchern, Interviews und Fragebögen evaluiert.

In meiner aktuellen künstlerischen Forschung verbinde ich diese Erfahrungen mit Zeichnung, Textil, Skulptur, Objektkunst, Installation und partizipativen Formaten. Die entstandenen Arbeiten verstehe ich als materielle Versuchsanordnungen: Sie machen Erfahrungen nicht nur sichtbar, sondern schaffen Situationen, in denen Wahrnehmungen, Emotionen und Wissensformen geteilt und verhandelt werden können. Die konkrete Ausgestaltung der Methode entwickelt sich aus der jeweiligen Forschungsfrage und wird durch Prozessdokumentation, Beobachtungen, Gespräche, Interviews, offene Befragungen und qualitative Analysen reflektiert.

Meine Praxis steht im Austausch mit Artistic Research, Research Creation, partizipativer Kunst und Disability Art. Wichtige Impulse erhalte ich dabei sowohl aus künstlerischen Arbeiten als auch aus methodologischen und theoretischen Debatten zu verkörpertem Wissen, Materialität, Teilhabe und Krankheit.

Aktuelle Schwerpunkte

DIALOGRAUM SCHMERZ

 

Gemeinsam mit Partner:innen aus Medizin, Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung entwickle ich derzeit ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zur Frage, wie Kunst zur Entstigmatisierung von Migräne beitragen kann.

Das Projekt entwickelt aufbauend auf meiner Einzelausstellung KOPFLANDSCHAFTEN partizipative Formate, die einen Dialog zwischen Betroffenen, medizinischem Fachpersonal und Nicht-Betroffenen ermöglichen.

Ausgangspunkt

Das Projekt knüpft an die Ausstellung KOPFLANDSCHAFTEN an, die im Juni 2026 im Pop-up Pavillon Kiel stattfand. Im Rahmen der Ausstellung wurden partizipative Stationen eingerichtet, die Besucher:innen einluden, sich aktiv zu beteiligen:

  • Lautstücke: Ein partizipatives Puzzle-Kunstwerk, das individuelle Erfahrungen von Menschen mit Migräne in 22 Puzzleteile übersetzte.

  • Körperkarte: Eine interaktive Station, bei der Besucher:innen markieren konnten, wo sie Migräne spüren.

  • Wissensgraph: Eine visuelle Erfassung der subjektiv wahrgenommenen Veränderung des Migränewissens vor und nach dem Ausstellungsbesuch.

Die gesammelten Materialien bilden die empirische Grundlage für eine Pilotstudie zur Frage, wie Kunst dazu beitragen kann, Wissen über Migräne zu vermitteln, Vorurteile abzubauen und gesellschaftlichen Dialog zu fördern.

Forschungsfrage

Das Projekt untersucht, unter welchen Bedingungen künstlerische Visualisierungen und partizipative Formate Migräneschmerz so erfahr- und verhandelbar machen, dass neue epistemische Zugänge zu Leid, Subjektivität und Körperlichkeit entstehen und dadurch Stigmatisierung abnimmt.

Methodik

Das Projekt verbindet künstlerische Forschung mit qualitativen Methoden:

  • Analyse der partizipativen Materialien aus KOPFLANDSCHAFTEN (Lautstücke, Körperkarte, Wissensgraph, Dialogwand, Flüsterbox)

  • Qualitative Inhaltsanalyse der gesammelten Daten

  • Vertiefende Interviews und Fokusgruppen mit Betroffenen, Nicht-Betroffenen und Fachpersonen

  • Historisch-philosophische Reflexion der Ergebnisse im Kontext von Medical Humanities und Wissenschaftsforschung

 

Einbindung weiterer Arbeiten

Neben den Materialien aus KOPFLANDSCHAFTEN fließen auch Erkenntnisse aus weiteren künstlerischen Arbeiten in das Projekt ein:

  • BROKEN ECHOS: Eine audiovisuelle Installation, die in die innere Topografie der Migräne führt. Die begleitenden Besucher:innen-Reaktionen bilden ein Rezeptionsarchiv, das in die Analyse einfließt.

  • Migräne-Management: Ein interaktives Online-Spiel, das als Prototyp für eine mögliche Befragung zur Wirkung von spielerischen Formaten in der Gesundheitskommunikation dient.

Unsichtbares sichtbar machen

Ein partizipatives Kunstprojekt zur Erforschung von Migräne als Erfahrung und Kommunikation.

 

Wie lassen sich Erfahrungen sichtbar machen, für die oft die Worte fehlen? „Unsichtbares sichtbar machen" ist ein künstlerischer Dialograum, in dem Patient:innen und medizinisches Fachpersonal gemeinsam künstlerische Ausdrucksformen für schwer beschreibbare Aspekte der Migräne entwickeln.

Ablauf

Geplant ist eine Workshopreihe mit acht Begegnungen von Herbst 2026 bis Januar 2027. Unter der Anleitung von Dr. Andrea Geipel arbeiten Patient:innen und Fachpersonal gemeinsam an Malereien, Fotografien und Mixed-Media-Arbeiten, die Erfahrungen mit Migräne sichtbar machen.

Aus den entstandenen Arbeiten wird eine Ausstellung im UKSH Kiel entwickelt, die den Dialog zwischen Betroffenen, Fachpersonal und Besucher:innen weiterführt.

Forschungsfragen

  • Welche Aspekte von Migräne werden durch Kunst sichtbar?

  • Wie verändert Kunst die Kommunikation über Migräne?

  • Kann Kunst zur Entstigmatisierung von Migräne beitragen?

  • Welche Rolle können kreative Dialogräume im Gesundheitswesen spielen?

 

Förderung

Das Projekt wird gefördert von der European Culture and Health Platform, dem Healing Culture Network und humaQ.

Projekt ansehen

Online Migraine Archive

Mit dem Online Migraine Archive entwickle ich derzeit ein langfristiges künstlerisches Forschungs- und Archivprojekt.

Das Archiv soll subjektive Erfahrungen mit Migräne als kulturelles Wissen sammeln und zugänglich machen. Künstlerische Arbeiten, Erfahrungsberichte, Fotografien, Zeichnungen und andere Formen persönlicher Dokumentation werden dabei zu unterschiedlichen Spuren des Lebens mit einer chronischen Erkrankung.

Das Archiv soll kein medizinisches Informationsportal sein. Es soll einen Raum schaffen, in dem unterschiedliche Erfahrungen nebeneinander bestehen können und sichtbar wird, wie vielfältig chronische Erkrankung erlebt wird.

Langfristig möchte ich das Archiv für internationale Perspektiven und Beiträge aus unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen öffnen.

Perspektive

Mein langfristiges Ziel ist die Entwicklung einer partizipativen künstlerischen Forschungspraxis, die Kunst nicht zwischen Forschung und Gesellschaft positioniert, sondern als verbindendes Medium versteht.

Dabei möchte ich künstlerische und empirische Methoden nicht gegeneinander ausspielen. Mich interessiert vielmehr, was entsteht, wenn beide miteinander in Beziehung treten.

Meine zukünftige Forschung soll deshalb unterschiedliche Ebenen miteinander verbinden:

künstlerisches Experiment · subjektives Erfahrungswissen · partizipative Prozesse · empirische Forschung · Wissenschaftskommunikation

Chronische Erkrankungen und insbesondere Migräne bilden dabei den Ausgangspunkt meiner bisherigen Arbeit. Perspektivisch möchte ich die Forschung auf weitere unsichtbare und chronische Erkrankungen sowie auf andere gesundheitliche und gesellschaftliche Themen ausweiten.

Die zentrale Frage bleibt dabei:

Wie kann Kunst Räume schaffen, in denen Erfahrungen nicht nur sichtbar werden, sondern neues Wissen entstehen kann?

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